Kneipenszene: "Marlene" entführt in eine andere Welt


Von Nicole Bolz und Christina Römer

Wuppertal.
Sie hat noch einen Koffer in Berlin. Und einen in Wuppertal. Die Hochstraße 43 hat zu Ehren Marlene Dietrichs nicht nur ihr Gepäck beherbergt. Verehrer der blonden Schauspielerin sind in der Kneipe ebenso gut aufgehoben. Der Name "Marlene" prangt in großen Lettern an der Eingangstür.
Einladend schlägt die preußische Ikone auf einem Bild an der Außenwand die Beine übereinander. Im Innern säuselt ihre tiefe Stimme: "Manchmal verschwindet die Wirklichkeit" und saugt die Besucher in ihre Welt. Ein "Traum der Erinnerung" schwebt in den zwei schummrigen Räumen.
Schwarze Tücher hän gen von der Decke, die Wände sind in dunkles Violett getaucht. Blaue und rote Lampen hängen von der Decke, tauchen die zwei Räume in trübes Licht. An den abgewetzten Holztischen sitzen oder stehen Menschen allen Alters. Große Gruppen, die laut lachend das eine oder andere Bier trinken. Pärchen, die sich still und verträumt in die Augen blicken. Eine andere Zeit, ein anderer Ort.
Unzählige Bilder, kleine Fotos in Silberrahmen oder große Gemälde, halten Marlenes Schönheit fest. Filmplakate vom "Blauen Engel", ein Gedenkband am Ende des Raumes - der Anbetung sind keine Grenzen gesetzt.
"Ich höre lieber Hildegard Knef." Markus (27) hat mit dem Kult um die Namenspatronin nicht viel am Hut. Trotzdem folgt er schon "ewig" den Lockungen der Grande Dame. Wobei diese, in Markus Fall, den Namen Uwe trägt. Wirt Uwe Dresen sei immer einen Besuch wert. "Er ist der beste Gastronom, charmant und immer gut gelaunt." Und hat ebenso blonde Locken wie Marlene.
Über sich selbst sagt der Herr hinter der Theke im schwarzen Abendkleid augenzwinkernd, er führe "ein eisernes Regiment". Friedlich soll der Umgang der Gäste bleiben. "Alle sollen etwas geläutert werden." Dabei ist jeder willkommen, "egal welchen Alters, Geschlechtes oder Religion", so der Hausherr. Die Dietrich sei eben bewunderswert. "Eine unbequeme Frau", so Uwe. "Wer das mag, fühlt sich auch von meiner Kneipe angezogen."
Die langen schwarzen Fingernägel klappern auf dem Tisch, die Frage nach dem Alter wehrt er mit einem koketten Lächeln ab. Auf eine augenfällige Tatsache angesprochen, blitzen seine Augen empört auf: "Gegen den Ruf einer Schwulenkneipe habe ich mich immer gewehrt!" Doch auch diese Szene sei natürlich vertreten. Stammgast Klaus (39) weiß, warum sich jeder wohl fühlen kann: "Hier darf man Mensch sein." Da findet sogar Bill Clinton ein Eckchen. Der riesige Pappaufsteller ist in bester Gesellschaft. Auf einem Tisch vor ihm räkelt sich eine geflügelte Schaufensterpuppe im Tüllteufel-Gewand. Der gefallene Engel ist auf dem Tisch der Hochstraße gut gelandet. Und lacht den anderen Nachtschwärmern auffordernd zu. In der ungezwungenen Atmosphäre fühlten sich seit Bestehen 1986 immerhin so viel Gäste behaglich, dass ein Umzug in größere Räume vonnöten war.
Ein paar Häuser weiter fand "Marlene" mehr Platz, um den Damen und Herren den Kopf zu verdrehen. Den Koffer nahm sie mit. So wartet er darauf, dass die blonde Schönheit endlich wieder über ihn singt: "Denn wenn ich Sehnsucht hab', dann fahr' ich wieder hin."
Preise und Fazit
Pils (0,2) 2,50 Mark, Cola (0,2) 2,50 Mark, Tasse Kaffee 2,50 Mark; Baguette 6 Mark; Kaugummi 1 Mark; Bier vom Fass: Bitburger, Schlösser, Gilden.
Fazit: "Nimm dich in Acht vor blonden Frauen, die haben so etwas Gewisses."
Kneipier Uwe Dresen sorgt dafür, dass sich alle seine Gäste wohl fühlen - er selbst fühlt sich am wohlsten im schwarzen Abendkleid.
Quelle: RGA vom 28.01.2000



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